17. Oktober 2017

Christo und Jeanne-Claude – Ein Künstlerpaar

Textilien – Gewebe, Stoffe, Tücher, Schleier – und deren Darstellung in Malerei und Skulptur gehören zu den ältesten bekannten Werken der Kunstgeschichte. Man denke nur an Mumien, Draperien, Faltenwürfe und Vorhänge. Im 20. Jahrhundert ist die Verhüllung selbst zum Kunstwerk geworden.
Christo besitzt eine Affinität zu Textilem, das als empfindliche zweite Haut skulpturale Dimensionen annehmen kann. Gestalterische Eingriffe in öffentliche Räume und vertraute Fassaden sollen eine „sanfte Störung“ hervorrufen. Die Großprojekte sind aber auch soziale Ereignisse, die demokratischen Prinzipien folgen und viele Menschen zusammenführen. Doch das Episodische, Flüchtige, Vergängliche – und damit Zerstörung und Rückbau – sind solchen Werken immanent.
Und seine Projekte gerieten immer mehr zu Teamwork mit seiner Partnerin Jeanne-Claude. Die Zusammenarbeit wuchs zu künstlerischer Ko-Autorschaft. Das Paar wurde zu einem der erfolgreichsten und „erstaunlichsten Gespanne der Kunstgeschichte“. Ihre Arbeit war ihr Leben und die Projekte wurden ihre Kinder.

Die Bad Stebener Ausstellung gibt einen Überblick über verschiedene Projekte und Installationen, so über die Verhüllungen des Berliner Reichstags, der Kunsthalle Bern und der Pariser Brücke Pont Neuf, über die „Gates” im New Yorker Central Park; über die „Umbrellas” in Japan und Kalifornien sowie über die „Wrapped Trees“ in der Schweiz und über Christos „Store Fronts“. Zu all diesen Vorhaben fertigte Christo Zeichnungen, Grafiken und Collagen. Im Grafikmuseum werden vor allem Fotografien, Lithografien, Siebdrucke und collagierte Grafiken zu sehen sein sowie einige verhüllte Objekte.

Dr. Linn Kroneck

25. Juli 2017
Beate Debus: Kreuzüberhangen

Alain Clément und Beate Debus

Wer zwei Künstler zu Doppelschau lädt, lädt zu Vergleich, macht neugierig auf Ähnlichkeit und Unterschied. Hier am Beispiel Alain Clément (Nîmes, Paris) und Beate Debus (Oberalba/Rhön). Die fundamentalen Gegensätze: Sie gehören unterschiedlichen Generationen und Geschlechtern an, kommen aus verschiedenen Ländern und sind sich nie begegnet. Der eine extemporiert im Farbrausch, die andere schätzt die Farbreduktion, der eine liebt Schwünge und Rundungen, die andere mag es kantig. Trotzdem befassen sich beide mit Bewegungsdarstellungen und u. a. auf expressive und stark abstrahierende Art mit der menschlichen Figur. Ein Element scheint das Tänzerische im weitesten Sinne. Der Tanz als Bewegungsform, auch als erspielte Bewegung von Linien.

Welchen Tanz Beate Debus und Alain Clément um den Tanz aufführen. Wie sie als Tanzmeister und Regisseure auftreten und ihren tanzenden Partnern ihren Rhythmus vorgeben und zu Seele bringen. Wie sie die Tänze choreografieren, nach innerer Bewegtheit spionieren bei Schautanz, Solotanz, Balztanz, Narrentanz, Paartanz, Totentanz. Und bei Beate Debus finden wir Titel wie „Eintanz“, „Doppeltanz“, „Schattentanz“, „Konzentrischer Tanz“, „Exzentrischer Tanz“, „Gegenläufiger Tanz“, „Apokalyptischer Tanz“. Und wir können uns dazu ein Vorher und ein Nachher vorstellen, die Dramatik. Bei Alain Clément „tanzen“ großzügig dahingezeichnete Schwünge mit beschwingter Leichtigkeit über die Blattgevierte. Seine Gebärden sind, wie der Künstler selbst erklärt, ein „Tanz, der nicht mehr den Körper der Tänzerinnen darstellt, sondern die Bewegung der Linie“.

In der Ausstellung wurden Grafiken von Alain Clément sowie Skulpturen und Zeichnungen bzw. Grafiken von Beate Debus gezeigt.

Dr. Linn Kroneck

20. April 2017

Michael Morgner – Schweißtücher

Michael Morgner ist Zeit seines Lebens seinem einzigartigen Formenrepertoire treu und in der Region Chemnitz sesshaft geblieben. Dort entwickelte er nach dem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig sein reduziertes, aber symbolisch reiches Figurenarsenal. Er legt grafische Körpergerüste an, verknappt die Liniengeflechte und verdichtet sie zu Piktogrammen. Stehende, Schreitende und Hockende beleben seither die oft abstrakten Bildgründe.

In Grafikfolgen ätzt er die Linien tief in die Platten. Doch die grafische Technik limitiert das Format, während er auf seinen großformatigen Leinwänden auf Expansion und Monumentalität aus ist. Und wie ein Archäologe arbeitet er sich dann in die Tiefenschichten des Materials, spaltet Papierlagen und reißt, fetzt an den Bildhäuten.

Oder er druckt vielsagende Corpora auf fragile Seidenpapiere und macht daraus „Schweißtücher“ elementarer Weltereignisse. Knitterspuren erinnern an Tuchfalten, Farben durchdringen sie wie Christi Blut.

Seine wichtigste Bildformel ist seine „Angstfigur“. Sie ruht in einer Kapsel, als wäre sie gefangen in gewaltigen Festungsmauern, die sie wie ein dicker Panzer ummanteln. Äußeren Kräften schonungslos ausgeliefert, verharrt sie in Resignation und Angststarre. Zum Sinnbild für den gefährdeten und leidenden Menschen nutzt Morgner das Ecce-Homo-Motiv, das tief in der christlichen Mythologie verwurzelt ist. Ihm aber ist es Ausdruck subjektiven Erleidens. Aktiver Gegenspieler ist sein „Schreitender“, der sich, die Arme energisch nach oben gerissen, kühn Lebensraum erobert.

Dr. Linn Kroneck

20. Januar 2017

Ein Lehrer und seine Schüler. Professor Peter Thiele und Tania Engelke, Kurt Neubauer, Mathias Otto

Ein Lehrer, ein Kunstprofessor, kann bei seinen Studenten einen Kunst-Kosmos aufreißen und sie zu Schaffensräuschen mitnehmen, die im Idealfall ein Leben umbrechen. Derart hinterlässt er seinen künstlerischen „Fingerabdruck“ in den Schülerseelen.

Es ist also ein interessantes Vorhaben, einen Meister im Kontext mit seinen Schülern – und umgekehrt – zu betrachten. Inwieweit prägen seine künstlerischen Erfahrungen und seine Handschrift eine nächste Generation, werden ästhetische Potenziale vererbt und beeinflussen sie Künstlerlaufbahnen? Wie gelingt Abnabelung, wie eigenständiges, egozentrisches Ich-Erleben?

Peter Thiele, Kunstprofessor aus Nürnberg, lehrte 35 Jahre Grafik und Zeichnung. Sein Lebenswerk besticht vor allem durch seine Linienkunst. Und wie sicher und souverän ihm die Lineatur aus dem Stift fließt! Wie er damit lustvoll den Vermaskierungen im Menschenpark nachspürt! Ich kann mir vorstellen, wie er bei seinen Studenten besonderen Wert legt auf das Trainieren des manuellen Zeichnens, des Ertastens und Findens gültiger Linienbahnen, der Wertigkeit von Druck und Dichte, von Hell und Dunkel. Wie er dabei aber seine Eleven zu beständiger Suche nach eigener Handschrift und „eigenem Strich“ provoziert, bis sie zu ihrem Thema ihren eigenen gegenständlichen Stil gefunden haben. Und er staunt dann gar oft über deren versiertes Können und bewundert ihre Fähigkeit zu linearen Vereinfachungen, selbst wenn sie sich inzwischen der Malerei verschrieben haben. Aber sogar in deren nächtlichen Stadtansichten steckt noch seine Liebe zur geschlossenen Linie. Solche künstlerische Verbundenheit führt auch zu menschlicher Nähe. Er nennt es „meine Kunst-Familie“.